Sonntag, 23. September 2012
23.9.12 Vom Gotschnagrat über Gruenhorn, unterhalb der Casanna entlang zu Weissfluhgipfel und Weissfluhjoch, 12,8 km; 800 Hm
Ein bisschen sind wir in Abreisestimmung gekommen, denn der Tag beginnt mit einem Umzug aus unserer Ferienwohnung ins Hotel Kulm, Davos Wolfgang. Zu dieser Verlängerung haben wir uns entschlossen, da der Nachtzug nach Dresden erst am Montagabend buchbar war. Wir können schon am Vormittag unser Gepäck im Hotel lassen und einchecken; der Empfang ist sehr freundlich und wir fühlen uns sofort wohl. Eine neue Gästekarte bekommen wir auch gleich und mit dieser fahren wir zunächst nach Davos Dorf, mit der Rhätischen Bahn nach Klosters und weiter mit der Bergbahn zum Gotschnagrat. Die große Gondel ist gut gefüllt mit Menschen; viele Wanderer und Mountainbiker fahren hinauf und das Wetter verspricht ja auch sehr schön zu werden: blauer Himmel und Sonnenschein locken in die Berge! Die meisten Wanderer bewegen sich Richtung Panoramaweg – dorthin werden wir also nicht gehen. Wir entscheiden uns, zum Gruenhorn hinauf zu wandern. Der Berg ist nicht sehr hoch, aber recht steil. Wir kennen den Weg bereits, der über den Gipfel, weiter unterhalb der Casanna entlang und über zwei, drei Erhebungen hinweg zur Parsennhütte führt. Während wir zum Gruenhorn (2.501 m) aufsteigen, haben wir einen schönen Blick ins Rätikon, auf Drusenfluh und Sulzfluh, nur der Gipfel der Schesaplana wird von einer Wolke eingehüllt. Einige Leute steigen Richtung Casannagipfel auf, brechen dann aber ab und kehren zum Weg zurück, der auf halber Höhe verläuft. Man sieht einige schmale Pfade am Hang, aber dieser ist sehr steil und auf den Felsgipfel müsste man klettern: das haben wir schon im vergangenen Jahr bleiben lassen und auch dieses Mal gehen wir geradeaus weiter. Diesen Weg sind wir auch im letzten Sommer bei unserer letzten Tour gegangen – da fanden wir ihn aber viel ausgesetzter als heute. An einigen Stellen sind Drahtseile angebracht, die freilich nicht sehr fest im Fels sitzen. Wir kommen schneller durch als beim letzten Mal und finden die Strecke gar nicht so unheimlich. Weiter geht es ziemlich bequem über einen Bergrücken, wo die Sicht nach allen Richtungen sehr gut ist. Einen namenlosen Gipfel ersteigen wir noch (2.523 m), dann machen wir Rast. Es ist erst kurz nach Mittag – wie also gehen wir weiter? Da gibt es eigentlich nur ein Ziel, mit dem wir die heutige Wanderung krönen können: der Weissfluhgipfel (2.843 m), der sich markant und hell vor uns erhebt. Dies war unser erster Gipfel im vergangenen Urlaub in Davos und der Gedanke, dass er dieses Mal unseren Urlaub abschließt, gefällt uns gut. Vor uns liegt noch ein unzugänglich wirkender Berg, das Schwarzhorn (nicht das Flüela-Schwarzhorn!), auf den kein Wanderweg führt, aber unterhalb seiner Nordwestseite führt ein Wanderweg Richtung Wasserscheidi und Weissfluhjoch. Den nehmen wir. Kurz vor 14 Uhr sind wir an der Einsattelung, wo der Weg zum Weissfluhgipfel abzweigt. Nach einer kurzen Pause machen wir uns an den Aufstieg. Im letzten Sommer sind wir hier langsam und vorsichtig hochgegangen; wir hatten großen Respekt vor der Höhe des Berges und dem, wie wir fanden, schmalen Weg hinauf. Heute finden wir ihn relativ einfach und daran merken wir, dass wir uns eingewöhnt haben. Ernst Ludwig Kirchner, der „Brücke“-Künstler, der lange Zeit in Davos gelebt hat, hat neben vielen Motiven aus dieser Gegend auch die Weissfluh gemalt. Im Kirchner-Museum waren wir dieses Mal auch gewesen. Wir kommen relativ zügig nach oben, sind auch nicht die einzige auf dem Gipfel. Die Aussicht ist, wie es kaum anders zu erwarten war, sehr gut. Ein paar Quellwolken ziehen heran. Deswegen halten wir uns nicht lange oben auf und gehen langsam wieder hinunter. Das Weissfluhjoch (2.693 m) ist dann wirklich unser letztes Gipfelchen in diesem Urlaub. Danach fahren wir mit der Parsennbahn hinunter nach Davos. Ein wenig wehmütig wird einem zumute, wenn es ans Abreisen geht, aber dieser Urlaub war lang und wir haben die meisten der Touren machen können, die wir uns gewünscht hatten. Die Gegend kennen wir nun schon ganz gut, haben ein bisschen Bergerfahrung dazugewonnen und hoffen natürlich, wieder einmal hierher zu kommen.
Fotos
Samstag, 22. September 2012
22.9.12 Vom Weissfluhjoch aus über Strelapass und Latschüelfurgga zur Schatzalp 9,5 km; 240 Hm
Man sieht es bereits an der Kilometerangabe: dies war eine ganz ruhige Tour. Eigentlich können wir froh sein, dass uns unbeständige Tage ab und an solche geruhsamen Wanderungen ermöglichen. Wir fahren am Vormittag mit der Parsennbahn von Davos Dorf aus hinauf zum Weissfluhjoch (2.693 m). Dieses besondere Erlebnis wollten wir uns auch in diesem Urlaub nicht entgehen lassen! Schon vom Tal aus ist es beeindruckend, wenn sich die rote Bahn wie ein Spielzeugzug am Berg aufwärts und abwärts bewegt. Mitfahren macht natürlich viel mehr Spaß als Zusehen. In der vergangenen Woche war eine Sektion der Bahn wegen Bauarbeiten nicht in Betrieb gewesen. Deswegen war eine Fahrt für uns nicht in Frage gekommen, denn wenn wir schon fahren, dann die komplette Strecke. Der Wetterbericht hat Wolken, aber keine Niederschläge vorhergesagt, nur wollte sich das Wetter nicht nach der Empfehlung verhalten. In der Nacht hat es geregnet, und als wir die Ferienwohnung verlassen, regnet es noch immer. Als wir bergauf fahren, kommt etwas Sehnsucht beim Betrachten des Schiahorns auf: auch in diesem Urlaub werden wir den Gipfel wohl nicht schaffen. Am Weissfluhjoch herrscht Nebel, und es regnet noch immer. An der gegenüberliegenden Talseite sieht es etwas klarer und freundlicher aus. Wir wollten eigentlich an der Parsennhütte vorbei nach Klosters wandern, aber nun entscheiden wir uns spontan anders und gehen bergab, am Schiahorn vorbei Richtung Strelapass. In den Felswänden des Schiahorns sollen manchmal Steinböcke zu sehen sein, und da heute so wenig los ist, hoffen wir, vielleicht Glück zu haben. Wir schauen immer wieder aufmerksam nach oben, aber nichts ist zu sehen, kein einziges Horn lugt aus den Felsen hervor. Der Wegverlauf ist wegen häufiger Felsabstürze korrigiert worden, er führt zeitweise über eine kleine Holzbrücke, die im vergangenen Jahr noch nicht da war. Am Strelapass rasten wir, ohne in der Berghütte einzukehren: das macht nur bei Sonne richtig Spaß, wenn man draußen auf der Terrasse sitzen kann. Die Sonne kommt zwar ab und an heraus, aber immer wieder ziehen Wolken heran. Wir gehen weiter Richtung Strelasee. Dabei können wir gut den Weg hinauf aufs Schiahorn sehen. Der Berg ist wirklich steil und wir würden den Aufstieg nur bei trockenem und zuverlässigem Wetter probieren. Irgendwie sind wir vom Wanderweg abgekommen. Während wir den Weg noch suchen, entdecken wir dicht vor uns mehrere Murmeltiere. Sie sind gar nicht scheu. Ich zücke die Kamera, und während wir langsam und leise an sie heran gehen, werden sie offenbar immer neugieriger und kommen ein Stück auf uns zu. Zwei Tiere kommen bis ungefähr einen Meter an uns heran und schauen uns an, als wollten sie aufs Foto. Sogar Jungtiere tummeln sich ganz in unserer Nähe. Ein paar Meter weiter entfernt können wir ein Murmeltier mitten auf dem Weg beobachten. Am Strelasee sind wir ganz allein. Im vergangenen Jahr waren dort ganz viele Kühe, aber nun sind die meisten schon hinunter ins Tal getrieben worden, worüber wir keinesfalls traurig sind. Ab Mitte September ungefähr kann man ziemlich ungestört über Almwiesen wandern – das sollten wir uns merken. Unser Weg führt weiter bis zur Latschüelfurgga, wo wir neulich hinunter nach Arosa gegangen sind. Wieder machen wir eine kurze Pause. Das Wetter scheint sich zu stabilisieren, es wird sonnig und warm. Aber so richtig Lust, auf Gipfel zu steigen, haben wir nicht. Die Beine brauchen mindestens einen ruhigeren Tag, und man genießt es auch mal, langsam zu gehen und auf Pflanzen und Tiere zu achten. Da wir bereits wissen, dass von hier aus alle Möglichkeiten, noch ein Stück weiter zu wandern, über einen Berg – das Chörbschhorn – führen, entschließen wir uns, hinunter zu Schatzalp zu gehen. Der Abstieg zieht sich noch eine Weile hin. Als wir den Wald unter uns sehen, braut es sich überall über den Bergen dunkel zusammen. Da sind wir froh, nicht noch weiter gegangen zu sein! Wir kommen noch gut hinunter zur Schatzalpbahn, und erst als wir aussteigen, nieselt es wieder. Es wird wohl noch einige Stunden dauern, bis sich das Wetter – hoffentlich – stabilisiert, denn ein Tag bleibt uns noch, an dem wir wandern können.
Freitag, 21. September 2012
21.9.12 Von Davos Glaris aus zum Valbellahorn, Abstieg nach Davos Wiesen 23,3 km; 1.850 Hm
Zwei relativ ruhige und wenig anstrengende Wanderungen weckten nun wieder den Wunsch nach einer längeren und anspruchsvollen Bergtour. Nach einigem Überlegen entschieden wir uns für die Tour zum Valbellahorn aus dem Rother-Wanderführer „Davos-Prättigau“. Gekennzeichnet ist sie als lange und anstrengende Wanderung, reine Gehzeit 7,30 Stunden. Als wir uns auf den Gipfel geeinigt haben, möchte ich eigentlich gar nicht schlafen gehen, und am Morgen bin ich bereits gegen vier Uhr munter. Ein klarer Fall von Gipfelfieber! Dabei wissen wir ja noch nicht einmal, ob wir das Valbellahorn (schwarz gekennzeichnete Route, kein markierter Wanderweg) überhaupt besteigen werden. Den besten Start zu einer solchen Tour hat man, wenn man früh aufbricht. Wir machen uns noch in der Dunkelheit auf zum Bahnhof Davos Dorf und nehmen den Ortsbus Nr. 7 Richtung Glaris Ortolfi, der 7.05 Uhr abfährt (nur an Werktagen). Als wir an der Endhaltestelle aussteigen, ist es richtig hell geworden. Wir folgen dem Wanderweg Richtung Bärentaler Alp/Alteiner Fürggli, der uns nur wenige Meter von der Haltestelle entfernt den Beginn unserer Tour weist. Wir weichen hiermit vom Wanderführer ab: Der Weg von Glaris aus zum Alteingrat wirkt in der Beschreibung zu unzuverlässig, und wir möchten nicht schon am Anfang im Wald herumirren. Bis weit ins Tal hinein ist der Weg am Bärentaler Bach entlang breit und bequem zu gehen. Hinter der Bärentaler Alp wird der Weg etwas steiler. Die Steilstufe am Ende des Tales ist schon gut zu sehen. Punkt neun Uhr sind wir dort angelangt und machen uns langsam an den Aufstieg. Dabei können wir zwei Gämsen oben am Hang beobachten. Schon nach wenigen Höhenmetern eröffnet sich uns eine phantastische Sicht auf die gegenüberliegende Talseite. Das Wetter soll noch gut und den ganzen Tag lang beständig sein: genau das, was man für diese Tour benötigt. Am Ende des steilen Aufstiegs gelangen wir an eine gewaltige Hochfläche, wo es nun mit nur noch geringem Anstieg bis zum Fürggli weiter geht. Die Aussicht hier oben ist bereits sensationell. Auch unseren Wunschgipfel, das Valbellahorn, können wir bald gut sehen. 10.30 Uhr sind wir am Fürggli und halten Ausschau nach den Wegspuren zum Gipfel. Wir folgen Steinmännern bis oberhalb einer kleinen Hütte. Dort beginnt ein deutlich erkennbarer Weg nach oben, mit roten Farbpunkten markiert. Wir beschließen, es zu probieren, denn gar so unzugänglich sieht der Berg nicht aus. Man kann dem Weg und den Markierungen getrost folgen! Der Weg ist nicht gleichmäßig steil, es gibt immer auch Abschnitte mit sanftem Anstieg, und er ist – von einigen Stellen kurz unter dem Gipfel abgesehen – auch nicht ausgesetzt. Aber auch jene Passagen, wo es etwas steiler und das Gelände abschüssig ist, sind eigentlich gut zu bewältigen. Wir sehen jemanden oben auf dem Gipfel und können uns an seinen Fußspuren orientieren. Es gibt doch noch einige Stellen, an denen Schnee liegt, aber auch diese sind gut zu meistern. Ohne Bergstiefel und Teleskopstöcke würde ich den Weg nicht gehen wollen. Wir treffen den Mann, der sich an den Abstieg gemacht hat, ein Stück unterhalb des Gipfels. Er sagt, es sei nicht mehr weit bis nach oben und es lohnt sich. Dass es sich lohnt, sehen wir schon während des Aufstiegs: man hat einen herrlichen Blick bis zu den verschneiten Gipfeln der Bernina, zum Piz Kesch, Richtung Arosa und natürlich auch auf die Gipfel rund um Davos. An einer Stelle unterhalb des Gipfels kann man tief in die Nordwestabstürze hinunter sehen. Ein kurzer Blick genügt, dann geht es weiter bis nach oben zum Gipfelkreuz (2.764 m). Die Freude, als wir angekommen sind, ist groß. Wir machen eine kurze Rast, tragen uns endlich mal wieder in ein Gipfelbuch ein und ich mache Fotos nach allen Richtungen. Ziemlich enttäuscht war ich, als wir auf der Sulzfluh und im vergangenen Jahr auf der Schesaplana kein Gipfelbuch vorfanden. Beide Gipfel fand ich schwieriger als das Valbellahorn. Eine schwarz gekennzeichnete Tour kann allerdings auch bedeuten, dass man eine sehr gute Kondition benötigt. Das wird uns vor allem während des langen Abstieges klar. Da wir bereits kurz vor zwölf Uhr wieder am Alteiner Fürrgli sind, beschließen wir, über den Alteingrat nach Davos Wiesen zu gehen. Wir sind noch lange dort oben auf der Hochfläche unterwegs. Der Mann, der vor uns auf dem Valbellahorn war, ist inzwischen zum Nachbargipfel (Strel) aufgestiegen, anscheinend von Südosten aus über den Grat – aber das würden wir nicht nachahmen wollen. Wir sehen ihn oben bei einem Steinmann sitzen und später weiter gehen. Wir machen zunächst eine Rast mit Kaffee aus der Thermosflasche und Rucksackverpflegung. Einkehrmöglichkeiten gibt es hier oben nicht, ebenso wenig könnte man irgendwo Schutz suchen: man ist wirklich auf eigene Verpflegung und stabiles Wetter angewiesen. Aber es ist im wahrsten Sinne eine Traum-Bergtour in wunderschöner Landschaft, mit herrlichen Ausblicken und sie ist auch nicht überlaufen. Außer dem Mann begegnen wir nur noch einem Paar, das uns am Alteingrat entgegenkommt. Es geht also lange in einem Bogen über den Bergrücken. Die Gegenanstiege bescheren uns die zusätzlichen Höhenmeter – von Glaris aus bis zum Gipfel sind es „nur“ reichlich 1.300. Wir folgen der rot-weißen Markierung abwärts vorbei an Lawinenverbauungen und einem Weidezaun. Weiter unten treffen wir auf einen Wegweiser „Steig Wiesen“ und folgen dem Weg ins Tal. Zunächst führt er in Kehren in einen Wald hinein. Dort geht es lange Zeit bergab. Sehr viele essbare Pilze gibt es hier, aber wir nehmen keine mit. Der Abstieg führt uns innerhalb von vier Stunden bis hinunter in die Zügenschlucht. Auch damit weichen wir vom Wanderführer ab: wir gehen also nicht nach Davos Glaris zurück, sondern verlängern die Route noch ein Stück. 1.900 Höhenmeter im Abstieg spürt man in den Beinen! Auf dem letzten Stück des Weges – wir gehen den Mobilitätsweg bis zur Bahnstation Davos Wiesen – legen wir noch einmal ein flottes Tempo ein, um den Zug zu bekommen, der 16.10 Uhr nach Davos Platz abfährt, und tatsächlich sind wir gegen 16 Uhr am Bahnhof. Das war heute eine konditionell fordernde, aber wunderschöne Wanderung, gekrönt von einem eindrucksvollen Gipfelerlebnis. Fotos gibt es natürlich auch, wenn wir wieder zuhause sind.
Donnerstag, 20. September 2012
20.9.12 Bergstation Jakobshorn – Bergstation Rinerhornbahn, 15 km; 500 Hm
In den späten Abendstunden muss es noch geschneit haben. Im Tal ist davon nichts zu sehen, aber auf den höheren Gipfeln liegt eine dünne Schneedecke. Wir fahren mit der ersten Bahn von Davos Platz aus hinauf zum Jakobshorn. Oben herrscht wirklich Winter: man braucht warme Kleidung, Mütze und Handschuhe. Gleich beim Ausgang aus der Bahnstation warnt ein Schild: Wanderwege schneebedeckt – gut für diejenigen, die ihren Augen nicht trauen, aber verständlich bei den vielen Touristen, die hier ankommen, und lobenswert. Deswegen lassen wir den kurzen Aufstieg zum Jakobshorngipfel, obwohl die Aussicht bestimmt phänomenal wäre. Denn wunderschön sind sie schon, die überzuckerten Gipfel, zumal die Sonne herauskommt und die Sicht ganz klar ist. Auch den Gratweg über Jatzhorn, Rossboden, Witihüreli und Tällifurgga möchten wir bei Neuschnee nicht gehen. So wunderschön er ist: er ist schmal und erfordert Trittsicherheit – heute ist das einfach zu riskant. Wir kennen die Tour schon und wählen die Alternativroute: auf einem relativ guten, markierten Weg am Hang entlang nach Sertig-Dörfli. Auch diese Variante ist reizvoll und aussichtsreich: auf den Weg achten muss man trotzdem, denn er ist nicht nur schnee- sondern teilweise auch eisbedeckt. Die Tour ist nicht anstrengend und macht wirklich Spaß. Allerdings sollte man die Entfernungen nicht unterschätzen: kurz vor zwölf Uhr sind wir unten im Sertigtal, das wirklich ganz malerisch und schön ist. Den kleinen Ort durchquert man recht zügig: wir folgen der Wegmarkierung Jatzmeder-Rinerhorn. Kurz vor einem Gasthof geht es an der anderen Talseite wieder bergan. Wir haben den Weg nach oben schon gut sehen können: Wanderer und Mountainbiker sind dort unterwegs. Der Anstieg ist sanft und führt uns bald in den Wald hinein. Leute, die uns entgegen kommen, warnen uns ausdrücklich vor einer glatten Stelle, an die wir bald kommen werden. Der Weg führt einige Male über Bäche, und die schmalen Holzbrücken darüber sind noch schneebedeckt. Welche Stelle sie aber konkret meinen, erschließt sich uns nicht: der Weg an der gegenüberliegenden, schattigen Talseite war mit viel mehr Vorsicht zu genießen. Wir hoffen, dass die Kühe nun weiter unten im Tal weiden, aber das tun sie leider nicht ausschließlich: an einer Stelle stehen sie wieder einmal mitten auf dem Wanderweg, so dass wir in einem weiten Bogen um sie herum gehen. Glücklicherweise lässt es das Gelände an dieser Stelle zu. Dieser Weg scheint, weil er relativ gleichmäßig am Hang verläuft, sehr beliebt zu sein: andauernd treffen wir andere Wanderer und einige Mountainbiker. Dann begegnen wir einem Mann, der wie ein Förster aussieht. Er fragt uns, ob wir vorhin den Unfall am Wasserfall bemerkt hätten. Wir verstehen ihn sehr schlecht und verneinen. Er schimpft laut über die verunglückte Person, über die Kosten, die durch die Rettung entstehen und fügt hinzu: „Solche Leute brauchen wir nicht auf unseren Wegen“. Wir haben weder den Unfall, noch die Rettung bemerkt und können nur vermuten, dass einer der Mountainbiker gestürzt ist. Dass jemand in den Bergen einen Unfall hat und gerettet werden muss, halten wir für menschlich und können die brüsken Worte nur schwer nachvollziehen. Aber vermutlich haben die Ortsansässigen schon jede Menge unangenehme Erfahrungen mit leichtfertigen Touristen gemacht. Bald darauf lassen wir den Wald hinter uns und der Weg führt in einigen Kehren bergan. Wir sehen nun auf Davos herunter. Die Sonne scheint warm und hat den Schnee bis auf wenige Reste in den Kammlagen tauen lassen. Dennoch weht ein kühler Wind, und man braucht schon die Fleecejacke über dem Shirt. Zeitweise hatte ich die Winterhose etwas hochgekrempelt, aber nun kann ich sie wieder in voller Länge gebrauchen. Die Heidelbeer- und Preiselbeersträucher haben sich herbstlich verfärbt und die Hänge ringsum leuchten nun rötlich gegen den blauen Himmel. Was für ein schöner farblicher Kontrast! Wir kommen an einem geräumigen Rastplatz mit Schutzhütte, Bänken und Grillplatz vorbei. Dann ist die Bergstation der Rinerhornbahn schon zu sehen. Wir können nun ebenso bequem, wie wir hinaufgefahren sind, wieder hinunterfahren. Die Gegend um Davos bietet für alle Wanderer mit unterschiedlicher Kondition, verschiedenen Bedürfnissen und für alle Wetterlagen geeignete Touren. Die heutige war wieder sehr schön und entspannt für uns – und dennoch keineswegs langweilig.
Mittwoch, 19. September 2012
19.9.12 Von Davos Monstein durch die Zügenschlucht nach Filisur 13,8 km; 60 Hm
Der heutige Regen hat uns einen Ruhetag beschert, was nach den vergangenen Touren auch notwendig war. Ständig Tagestouren zu machen, laugt irgendwann aus, und die Beine möchten nicht mehr steigen. Eine gemütliche Halbtagestour im Tal ist da genau richtig. Die Tour durch die Zügenschlucht ist aber mehr als nur eine Notvariante für schlechtes Wetter, sondern landschaftlich äußerst reizvoll, weshalb sie von vornherein auf unserer Wunschliste stand. Wir brechen am späten Vormittag auf. Die Rhätische Bahn nach Filisur fährt 10.31 Uhr von Davos Platz ab – die Züge verkehren stündlich. An der Bahnstation Davos Monstein beginnt unsere Wanderung. Zunächst führt ein Pfad über die Wiese entlang der Straße, aber nach wenigen Metern erreichen wir die alte Fahrstraße, die seit 1974 Wanderweg ist. Wir folgen der Markierung „Mobilitätsweg“. Die meiste Zeit nieselt es ein bisschen, nur kurzzeitig regnet es etwas stärker. Bei Dauerregen würde dieser Weg wenig Spaß machen. Dass diese steile Schlucht einfach atemberaubend ist, haben wir schon gesehen, als wir mit dem Zug unterwegs waren, denn an einigen Stellen sieht man von der Bahn aus den Wanderweg – und umgekehrt. Die Weiterfahrt auf der Albula-Linie ist auch ein Erlebnis: den Abschnitt zwischen Filisur und Thusis haben wir kennengelernt. Das Landwassertal ist tief eingeschnitten und die Instandhaltung der Fahrstraße war immer eine Herausforderung, da sie durch Steinschlag und Lawinen ständig gefährdet ist. Hin und wieder warnen Schilder vor Steinschlag. Die Wanderung auf gutem Weg, teils im Wald, teils am Wasser entlang ist eine Wohltat für die Seele. An einigen Stellen kann man sich über eine Mobilfunknummer Informationen abrufen, was wir jedoch nicht tun. Der Regen hat Pilze wachsen lassen: wir sehen sogar Erdsterne, die ganz selten sind. Ab dem Bärentritt wird der Weg zeitweise etwas steiler und der Blick ins Tal geradezu schwindelerregend. Der Weg ist aber völlig ungefährlich. Am Bahnhof Wiesen gibt es eine sehr hübsche Einkehrmöglichkeit, „Bim Statiönli“, die wir wirklich empfehlen können. Weiter geht es zum eigentlichen Höhepunkt der Tour: man überquert den Wiesen-Viadukt auf einem Fußweg, der neben den Bahngleisen verläuft. Gerade als wir auf der anderen Seite angelangt sind, kommt ein Zug gefahren! Von einem Aussichtspunkt aus kann man den Viadukt gut sehen und fotografieren. Der nachfolgende Naturlehrpfad nach Filisur verläuft durch den Wald. Hinweistafeln geben Informationen über Pflanzen und Tiere. Wir möchten gern noch zur Ruine Greifenstein weitergehen. Der erste Wegweiser zeigt direkt auf eine Kuhweide, wo kein ordentlicher Weg erkennbar ist. Einige Meter weiter erneut ein Wegweiser; hier gibt es einen Pfad, dem wir folgen. Er wird zusehends schmaler und verliert sich kurz vor einem felsigen Abschnitt. Weiter unten sehen wir eine rot-weiße Markierung, aber dieser Weg führt zur Bahnstation Filisur. Wir gehen dort entlang und beschließen, ein andermal zur Ruine zu gehen. Dass wir in den nächsten Jahren mal wieder in dieser Ecke urlauben werden, steht eigentlich schon fest. Als wir ein Stück gegangen sind, kommen wir an den Wegweiser zum direkten und steilen Weg zur Ruine, der aber laut Tourenbeschreibung zeitweise Klettersteig-Charakter haben soll. Für solch einen Weg sind wir heute nicht ausgerüstet und außerdem ist es uns zu feucht und rutschig für einen richtigen Bergpfad. Wir gehen also weiter zum Bahnhof und nehmen den Zug, der kurz nach 15 Uhr abfährt.
Dienstag, 18. September 2012
17.9./18.9.12 Schnuppertour zum Silvretta-Gletscher
Eigentlich sollte dies der Beginn einer Silvretta-Hüttentour werden. Für den 19.9. war jedoch eine Wetterverschlechterung angekündigt, was uns den Plan ändern ließ. Mit Regen und Neuschnee möchten wir uns in der Silvretta nicht einlassen: dies hat uns die Rätikon-Tour gelehrt. Ein Ausflug zur Silvrettahütte und zurück würde jedoch gut durchführbar sein. Von Klosters Platz aus (Haltepunkt der Rhätischen Bahn) nehmen wir den Ortsbus nach Monbiel. Diese Strecke ist in den Gästekarten mit enthalten. Wir gehen an der Straße entlang; dem Wegweiser Richtung Alp Sardasca folgend. Nach kurzer Zeit gabelt sich der Weg und wir könnten laut Ausschilderung sowohl links, als auch rechts herum gehen. Der linke Weg verläuft am Hang, der rechte unten im Tal. Da wir volle Tourenrucksäcke dabei haben, wählen wir den Weg im Tal entlang der Landquart. Man geht eine Weile am Wasser entlang, es ist ein schöner, romantischer Wegabschnitt. Ein Stück weiter kann man links herum zur Alp Garfiun abbiegen. Wir entschließen uns, weiter rechts zur Alp Novai weiterzugehen, denn auch dort entlang kommt man zur Silvrettahütte über Sardascaalpe. Kurz vor der Alpe kommen Kühe auf uns zu, eine ganze Herde, die gerade über den Weg getrieben wird. Uns bleibt nichts weiter übrig, als ein Stück am Hang hochzugehen und zu warten, bis sie vorüber sind. Wir überqueren die Landquart über eine Brücke, und als wir die Alpe hinter uns gelassen haben, geht es am Rande der Fahrstraße bergan. Weiter oben gabelt sich die Straße: rechts herum geht es zum Berghaus Vereina, links zur Sardascaalpe. Die Straße wird nun steiler, und die Radfahrer, die uns überholen, müssen bald absteigen. Es ist sommerlich warm geworden. Dann endet der Wald, und wir können die Sardascaalpe sehen. Zwischen der Alpe und Klosters Platz verkehrt das Silvretta-Taxi, ein Kleinbus, mit dem man auf Anmeldung fahren kann. Mehr noch als der Preis schreckt uns jedoch die Tatsache, dass man sich vorab festlegen muss, was in den Bergen ziemlich ungünstig ist. Von der Alpe aus können wir den Weg hinauf zur Silvrettahütte schon sehen. Mit stetigem Anstieg geht es bergauf. In der Mittagshitze ist der Weg anstrengend, und wir machen immer wieder kurze Pausen. Nach den vergangenen Touren ist ein Leistungstief spürbar. Als wir endlich weiter oben angelangt sind, wo es etwas weniger steil weiter geht, gibt es eine Hinweistafel zur Silvrettahütte, die in 30 Minuten zu erreichen ist. Ein Weg links herum ist, wie wir lesen, kürzer und steiler, rechts herum ist es gemütlicher. Wir entscheiden uns für die gemütliche Variante, die uns dennoch zu schaffen macht. Aber bald können wir die Hütte oben sehen. Wir gehen noch ein paar Meter an einem Bach entlang bergauf, queren ihn dann wieder und steigen zur Hütte auf. Reichlich fünf Stunden haben wir von Klosters Monbiel bis hinauf benötigt. Die Hütte gefällt uns sofort sehr gut: sie sieht teilweise noch richtig urig und gemütlich aus, hat aber auch einen modernen Anbau mit guten sanitären Anlagen und sogar einer Möglichkeit zum Duschen. Der Empfang ist sehr freundlich, und wir bekommen gleich unser Lager gezeigt. Es ist ruhig, und wir werden die einzigen Gäste bleiben. Vor der Hütte konnten wir bereits Wegweiser sehen, die uns faszinierten: Gletscherlehrpfad, Gletscherblick und Gehzeiten zu anderen Hütten. Deswegen machen wir uns gleich wieder auf den Weg, um den Lehrpfad zu gehen. Eigentlich hatten wir eine Kaffeepause machen wollen, aber die Neugier hat uns das vergessen lassen. Im Laufe der nächsten Stunden wird uns klar, dass wir gar keine Zeit für eine solche Pause haben, wenn wir pünktlich zum Abendessen in der Hütte sein wollen. Nimmt man sich genügend Zeit zum Schauen, Lesen und Fotografieren, benötigt man mindestens drei Stunden für die komplette Runde, die vier Kilometer lang ist und 300 Höhenmeter Anstieg bietet. Der Lehrpfad ist interessant, mit sichtlicher Sorgfalt angelegt und sehr aussichtsreich. Wir haben hier oben sommerliche Temperaturen, aber eine geradezu idyllische Ruhe: schon im hinteren Teil des Tales ist es sehr einsam. Die Landschaft ist atemberaubend schön. Da haben wir uns in der Schule mit der glazialen Serie herumgeärgert, uns ein paar Begriffe eingepaukt, um sie nach der nächsten Leistungskontrolle wieder zu vergessen – wie viele Dinge, zu denen wir nie einen konkreten Bezug entwickeln konnten. Der Gletscherlehrpfad hingegen ist konkret und spannend, wir sind an jeder Wegbiegung aufs Neue begeistert. Er führt dicht am Gletscherbach entlang und schließlich zum großen Gletscher hin, ohne ihn zu berühren, was aber wenig sinnvoll wäre, weil er dann fast jährlich korrigiert werden müsste. Hinweispunkte verdeutlichen das dramatische Abschmelzen des Gletschers. Aber wir möchten natürlich dennoch dicht heran und folgen Fußspuren zum Rand. Die Gefahren des Gehens übers Eis sind offensichtlich: man erkennt Spalten, tiefe Trichter und Aushöhlungen. An einer Stelle, wo gespurt ist, gehen wir dennoch ein Stück aufs Eis – aber nicht weiter. Steht man in der Sonne auf dem Eis, ist es warm, aber als wir uns dem Gletscher näherten, kam uns ein spürbar kalter Wind entgegen. Der Gletscherlehrpfad ist ein alpiner Weg und wir sind froh, in hohen Bergstiefeln unterwegs zu sein. Richtung Silvretta sind sie ohnehin obligatorisch, während es auf breiteren und weniger steilen Wegen auch mal die leichtere, halbhohe Variante tut. Wir absolvieren die komplette Runde bei schönstem Sonnenschein. Danach gibt es leckeres Essen auf der Terrasse der Hütte, wo die Sonne länger wärmt als unten im Tal. Die Halbpension ist wirklich empfehlenswert, ebenso das kuschelige Schlaflager. Und zum Tagesausklang erleben wir einen wunderbaren Sonnenuntergang. Ohne Hüttenübernachtung wäre all das zeitlich ziemlich knapp gewesen. Am Folgetag geht es nach dem Frühstück wieder zurück nach Klosters Monbiel. Wie wir nun bemerken, führen noch andere Wege hinunter ins Tal. Wir gehen dieses Mal viel weiter oben am Hang entlang Richtung Galtürtälli, folgen dann aber nicht dem Abzweig bergauf, sondern gehen hinunter zur Sardascaalpe. Dies ist ein Winterweg, durch Stangen markiert. Naja, im Winter werden wir hier sicher nicht unterwegs sein! Nachteil der warmen Jahreszeit: der Weg ist völlig zertrampelt von Kühen – aber mit Bergstiefeln kommt man dennoch gut hinunter. Wir gehen auch hier etwas anders als auf dem Hinweg: auf der anderen Talseite direkt nach Garfiun, wo man auch einkehren kann, und weiter über Pardenn nach Monbiel. Dieser Weg führt durch Wald und über Wiesen, geht sich wesentlich angenehmer als die Straße und ist auch ein klein wenig kürzer. Nach viereinhalb Stunden sind wir in Klosters Monbiel angekommen und haben auch Glück mit dem Bus. Am ersten Tag haben wir (inklusive Gletscherpfad) 16 Kilometer und 1.400 Höhenmeter zurückgelegt. Je mehr man in den Alpen kennenlernt, desto mehr Wünsche für weitere Touren ergeben sich: wir möchten gern mal etwas länger und weiter in der Silvretta unterwegs sein.
Sonntag, 16. September 2012
16.9.12 Zur Schlappiner Spitze (aber nicht hinauf); 13,4 km; 726 Hm
Gestern bei unserer Rückkehr nach St. Antönien war mir die Wanderlust vergangen, aber als wir dann auf Davos zufuhren und die Berge in der Abendsonne leuchten sahen, änderte ich meine Meinung wieder. Was wollten wir am heutigen Sonntag machen? Die Tour sollte nicht gar so anstrengend werden und möglichst nicht überlaufen – der Panoramaweg kommt da eher nicht in Frage, so schön er auch ist. Eine unserer Wunschtouren war die im Rother-Wanderführer beschriebene zur Schlappiner Spitze. Wir starten von Klosters aus mit der Madrisabahn und fangen an der Bergstation an zu wandern. Es geht, dem Wegweiser zum Schlappiner Joch folgend, gleich ein gutes Stück bergan und die Aussicht ist phantastisch. Wir begehen den Fehler, eine Wandergruppe, die einen Schäferhund dabei hat, vorbeizulassen. Sie lassen bald den Hund von der Leine, bleiben an der nächsten Wegbiegung stehen und der Hund läuft frei herum. Wir legen die erste längere und unfreiwillige Pause ein, um sie nicht einzuholen, aber obwohl wir eine ganze Weile gesessen haben, sind sie bald wieder vor uns. An der Wegbiegung genießen wir die Aussicht Richtung Pischahorn und Silvretta und hoffen, dass sie sich nun ein Stück entfernt haben. Bald müssen wir feststellen, dass sie nicht eigentlich wandern: sogar Sonntagsspaziergänger sind meist zügiger unterwegs. Sie bewegen sich fast wie bei einem Schaufensterbummel. Nachdem sich alle gegenseitig fotografiert haben – der Hund läuft weiterhin frei herum – machen sie ein paar Schritte und richten sich kurz danach zur ersten Rast am Wegrand ein. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, denn so geht es nicht weiter. Das Gelände wird etwas weiter und dort, wo sie sitzen, zweigt ein Weg über den Hang ab. Wir denken, dass wir ohnehin dort entlang müssen und gehen ein Stück querfeldein, um den Weg zu treffen und die Leute mit dem Hund zu umgehen. Dabei sehen wir weiter vorn einen Wegweiser. Sicherheitshalber gehe ich dort wieder hinunter und nachschauen – beinahe wären wir nach St. Antönien gegangen. Wir sind aber nun vor den Leuten, die immer noch rasten, und gehen zügig weiter, froh, sie endlich überholt zu haben. Der Blick zur Silvretta wird immer großartiger, ich kann den Großen Litzner an seiner markanten Form erkennen – die anderen Gipfelnamen sind mir nicht geläufig. Wir gehen eine ganze Weile oben am Hang entlang, queren Bäche, steigen immer mal ein Stück weiter hoch – eine wunderschöne Wegstrecke. Nach ein paar Biegungen sehen wir das Schlappiner Joch, und der Doppelgipfel rechts daneben muss die Schlappiner Spitze (2.442 m) sein. Am Joch treffen außer uns noch mehr Wanderer ein, denn auch von Österreich kommen Leute herauf. Am Joch steht das Grenzschild; unser Rastplatz befindet sich auf österreichischem Boden. Das Schlappiner Joch ist bereits ein attraktives Wanderziel, der Weg zum Doppelgipfel ist nicht markiert und gilt als anspruchsvoll. Wir entscheiden uns, so weit zu gehen, wie wir uns trauen. Die Wegspuren führen am Westrücken des Berges hinauf, sie sind nicht immer eindeutig, aber das Gelände ist weder schwierig, noch besteht Absturzgefahr, man kann sich hier getrost seinen Weg selbst suchen. Weiter oben unterhalb des Felsgipfels sieht es dann schon anders aus. Einen Weg zum Nordgipfel, wo es laut Wanderführer entlang geht, können wir nicht finden, und der Nordgipfel sieht sehr unzugänglich aus: die Spitze wirkt hier sehr viel steiler und grimmiger als vom Joch aus gesehen. Ein schmaler Pfad führt allerdings unterhalb der Felsen weiter Richtung Südgipfel. Wir entschließen uns, weiterzugehen. Er ist zeitweise nur fußbreit, das Gelände ist abschüssig und Fehltritte sollte man hier nicht tun. Als wir uns dem Südgipfel nähern, sehen wir den Pfad nach oben. Wir gehen noch ein Stück bis zum Aufstieg zum Gipfel und entscheiden uns, hier abzubrechen. Es geht über steile Grashänge und felsige Abschnitte, Wegspuren können wir nicht mehr sehen – das ist uns zu riskant. Der Pfad unterhalb des Felsgipfels war uns Nervenkitzel genug, aber derart, dass wir den Weg langsam und konzentriert gehend als machbar ansahen. Wir folgen nun den Fußspuren abwärts zu einem Geröllfeld, wo wir zwei Steinmänner sehen. Am zweiten Steinmann ankommend, können wir keinen Weg mehr abwärts zum Joch sehen. Dann hören wir zwei Wanderer weiter links von uns pfeifen und bewegen uns in ihre Richtung: dort verläuft ein Pfad. Als wir sie treffen, erfahren wir allerdings, dass sie schon ein Weilchen dort am Hang umherirren. Sie suchen den Aufstieg zum Gipfel; den können wir ihnen zeigen. Sie wiederum zeigen uns den Pfad zum Joch: er verläuft am Hang etwas unterhalb des Steinmannes und führt uns bald wieder in leichter begehbares Gelände, von wo aus wir problemlos zum Joch hinunter gehen können. Der Weg ins Tal hinunter nach Schlappin ist ausgeschildert. Er führt in langen Serpentinen abwärts, teilweise ist er auch recht steil. Unten im Ort geht es an der Fahrstraße entlang bis nach Klosters. 1.400 Höhenmeter im Abstieg spürt man dann doch in den Beinen. Der Weg endet an der Talstation der Madrisabahn; von dort aus geht es mit dem Bus zurück zum Bahnhof. Wir waren etwa sechs Stunden unterwegs, etwas länger, als im Wanderführer ausgewiesen.
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