Sonntag, 16. September 2012

15.9.12 Von der Lindauer Hütte aus durch den Rachen zur Sulzfluh, hinunter durchs Gemschtobel und zurück nach St. Antönien; 20 km; 1.400 Hm (Nachtrag)

Kurz vor acht Uhr brechen wir von der Lindauer Hütte auf. Die Nacht im Matratzenlager war okay, das Frühstück war gut. Mit zügigem Höhengewinn steigen wir zur Sulzfluh Richtung „Rachen“ auf. Diesen Weg wollten wir ursprünglich hinunter gehen. Wir haben kaum einen Gedanken daran verschwendet, ob wir uns diese Strecke zutrauen: wir probieren es einfach. Notfalls bliebe ja noch der Weg über Bilkengrat/Tilisunahütte/Gruobenpass als Alternative. Blau-weiß markiert ist unser Weg (in den Schweizer Alpen heißt das anspruchsvoll) und während wir aufsteigen, spüren wir bereits, dass er uns fordern wird: Immer wieder Steilstufen mit leichten Kletterstellen, die es zu überwinden gilt. Ich muss mich oft ziemlich hinauf stemmen! Aber der Weg über den Bilkengrat ist, wie wir wissen, auch kein Spaziergang, und deshalb folgen wir zuversichtlich unserer Markierung. Als wir die Krummholzzone hinter uns lassen, werden wir überholt: eine Familie steuert den Höhlen-Klettersteig an; ein jüngeres Paar geht an uns vorbei, ebenfalls mit dem Ziel „Sulzfluh-Rachen“. Während wir noch rasten, steigen die beiden kontinuierlich bergauf. Wo sie entlang gehen, können wir uns eine weitere Tour kaum vorstellen: in einem gewaltigen, von Schnee und Eis bedeckten Kar geht es aufwärts; der Verlauf des Weges ist nur anfangs zu ahnen. So ein versäumter Gipfel wirkt – gerade bei Wetterbesserung – länger und intensiver nach, als man es sich selbst eingesteht. Wie oft haben wir uns in den vergangenen Monaten mit der Sulzfluh beschäftigt und uns auf den Gipfel gefreut! Freilich ist uns klar, dass man in den Bergen flexibel auf Wetterveränderungen reagieren muss – aber das tun wir heute. Unser ursprünglicher Plan war, von Partnun aus über das Gemschtobel zur Sulzfluh zu gehen, von dort aus weiter zur Tilisuna-Hütte und nach der Hüttenübernachtung über Drusator (eventuell mit Abstecher zu den Türmen) zurück nach Partnun/St.Antönien zurückzukehren. Der modifizierte Plan hieß: Aufstieg zur Tilisunahütte, am nächsten Tag von dort aus zur Sulzfluh, über den Rachen zur Lindauer Hütte absteigen und über das Drusator zurück nach Partnun/St. Antönien. Der nochmals geänderte Plan hieß: Aufstieg von der Lindauer Hütte aus durch den Rachen zur Sulzfluh und über das Gemschtobel nach Partnun. Obwohl es am Morgen noch etwas bewölkt war, sollte sich die Sonne durchsetzen – und dass der Schnee sich weiter oben hartnäckig halten würde, war von der Lindauer Hütte aus nicht zu sehen. Dass die beiden jungen und bergerfahrenen Leute wissen, was sie beim Aufstieg tun, ist offensichtlich. Wir haben nur die Alternative, ins Tal zurück zu gehen, oder den beiden zu folgen. Wir entscheiden uns für Letzteres: der Sulzfluhgipfel lockte einfach zu sehr, um jetzt schon aufzugeben. Zunächst geht es in Kehren noch relativ „normal“ weiter: wir halten uns genau in den Spuren unserer Vorsteiger. Während wir aufsteigen, fällt mir ein, dass wir bisher nur zwei blau-weiß markierte Steige gegangen sind, wenn man den gestrigen unmarkierten Steig einrechnet, zweieinhalb. Und uns wird allmählich klar, auf was wir uns gerade einlassen. Der Aufstieg wird zusehends steiler. Die Beiden vor uns klettern langsam und vorsichtig über einen vereisten Felsvorsprung. (Später erzählen sie uns, dass der Weg eigentlich rechts von den Felsen nach oben verläuft, sie sich aber auf Grund der Witterung für den Umweg entschieden haben.) Wir folgen ihren Spuren und klettern ebenso über die Felsen: ich verstaue zuvor meine Stöcke am Rucksack und ziehe meine Handschuhe an. Nun ist es zu spät zum Umkehren: in Schnee und Eis geht es steil nach oben. Unsere einzige Orientierungsmöglichkeit sind die Fußspuren der beiden Vorsteiger, Wegmarkierungen sind nicht mehr zu sehen. Man muss aufpassen, ob die Spuren auch „tragen“, ebenso vorsichtig muss man den Halt der Teleskopstöcke im Schnee prüfen, ehe man weiter geht. Für uns ist das ein sehr fordernder Weg – durchaus grenzwertig. Hätten wir gewusst, was uns bevorsteht… aber auf Grund unserer Unerfahrenheit wussten wir es eben nicht. Bei gutem Wetter, hören wir später, soll der Weg gut und leicht begehbar sein – aber dass Schwierigkeiten im Auge des Betrachters liegen, wissen wir nicht erst seit heute. Endlich gehen die beiden nach links, wo weniger Schnee liegt. Aber zunächst kommen noch ein paar kleine Kletterstellen, die es zu meistern gilt. Ohne Schnee und Eis wäre das sicher etwas einfacher, aber heute müssen wir uns konzentrieren. Dann wird der Weg wirklich besser, wir können uns an die felsigen Passagen halten und kommen die letzten Meter etwas zügiger nach oben an das Ende des Kars. Nun erst einmal: durchatmen und fotografieren! Unser blau-weiß markierter Steig führt noch eine ganze Weile weiter bergauf, ist nun aber besser zu begehen. Wir halten uns weiterhin an die Stellen, wo Felsen sichtbar sind, und gehen nur dort im Schnee, wo es gut aussieht und bereits gespurt ist. Nach einer Weile treffen wir den rot-weiß markierten Weg, der von der Tilisunahütte hinauf führt, und sehen auch schon die Leute, die durch das Gemschtobel von Partnun aus heraufkommen. Der Weg sieht auch nicht gerade einladend aus – aber erst einmal lockt der Gipfel der Sulzfluh. Zuvor müssen wir etwas essen: in den Bergen spürt man meist deutlich, wenn der Körper Kalorien braucht. Außer uns sind hier viele Leute auf dem Weg nach oben; die Sulzfluh gilt als einer der schönsten und auch leichtesten Rätikongipfel. Das junge Paar, das für uns im Rachen gespurt hat, kommt vom Gipfel herunter. So haben wir Gelegenheit, uns für das Vorsteigen zu bedanken. Sie kennen den Weg und normalerweise, meinen sie, sei er auch im Winter nicht schlimm. Nun ja, das ist Ansichts- und gewiss auch Erfahrungssache. Vorübergehend war der Sulzfluhgipfel (2.818 m) in den Wolken, nun ist er wieder frei und wir machen uns auf den Weg nach oben. An einigen Stellen ist es noch sehr glatt und man muss die Hände zu Hilfe nehmen. Das letzte Stückchen hinauf, das auf Videos sehr ausgesetzt aussieht, ist aber problemlos zu gehen, und wir finden auch den Gipfel geräumig genug. Außer uns sind zwei größere Gruppen von Wanderern oben. Nach den obligatorischen Fotos machen wir uns gleich wieder auf den Weg nach unten. Es ist 12.25 Uhr – kurz vor acht sind wir heute losgegangen. Obwohl der Abstieg immer etwas schwieriger ist, kommen wir gut zum rot-weißen Abzweig nach Partnun durch das Gemschtobel. Der Weg wird stellenweise sehr steil und felsig, und teilweise weichen wir von den Markierungen ab, weil es dort schon sehr ausgetreten und rutschig aussieht. Zwischendurch gibt es aber immer wieder gut begehbare und wenig steile Abschnitte. Wir stellen fest: die Übergänge zwischen rot-weiß und blau-weiß sind fließend. Leicht ist dieser Weg auch nicht, zumindest nicht bei Schnee und Eis. Bald können wir Partnun und den Partnunsee unten im Tal sehen. Als wir fast unten sind, kommt die drahtseilgesicherte Schlüsselstelle durch das Gemschtobel. Ich hatte mich wirklich darauf gefreut, und mit frischen Kräften wäre es gewiss ein Vergnügen gewesen, hier hinaufzusteigen. Nun spüre ich aber die Anstrengung der Tour und bin froh, als wir unten ankommen. Nun nur noch die Straße zurück nach Partnun … aber dass die größte Anstrengung noch vor uns liegen würde, wusste ich glücklicherweise nicht. Wir wollen das Grundstück mit dem aggressiven Hund möglichst meiden und deswegen auf einen Höhenweg nach St. Antönien treffen, den wir im vorigen Jahr von der Carschina-Hütte aus gegangen sind. Es geht schön auf der Höhe weiter und deshalb sind wir zuversichtlich und steigen nicht zur Straße ab. Für mich steht allerdings fest, dass ich nicht mehr bis zur Hütte gehen will: das ist einfach zu weit. Später erkennen wir, dass wir keine Wahl mehr haben: der Weg, auf dem wir uns befinden, führt direkt zur Hütte; daneben ist das Gelände unwegsam. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, bis zur Carschinahütte gehen. Al s wir endlich dort ankommen, bin ich zu erledigt, um die Wegweiser zu studieren und Entscheidungen zu treffen, und gehe meinem Mann hinterher. Unser Weg führt, wie ich bald sehe, nicht auf der Höhe entlang, sondern in einem weiten Bogen hinunter ins Tal: er hat sich entschlossen, die kürzere Variante zu wählen. Allerdings bringt uns diese kaum vorwärts, sondern nur in Serpentinen nach unten, und als ob das noch nicht an Unannehmlichkeiten genügt, kommen wir genau an dem Hof mit dem aggressiven Hund heraus. Glücklicherweise ist er heute nicht da oder unaufmerksam – aufatmend gehen wir hinunter zur Straße. Nun geht es weiter hinunter bis St. Antönien Rüti. Die letzte kurze Rast hatten wir kurz vor dem Gipfel der Sulzfluh gemacht, auf dem letzten Wegstück esse ich eher aus Vernunft einen Müsliriegel, ohne dabei anzuhalten. So flott wir können, legen wir das Stück bis zur Bushaltestelle zurück. Dort allerdings hätte ich ohne eine Pause nicht mehr weitergehen können. Tatsächlich erwischen wir noch den 17-Uhr-Bus nach Küblis, mit dem wir den letzten durchgehenden Zug nach Davos erreichen. Laut Zeitangabe auf den Wegweisern hätten wir es nicht mehr geschafft. Trotzdem bin ich keinesfalls stolz auf diese letzte Wegetappe, die ich mehr automatisch als bewusst zurückgelegt habe. Ich hätte diese wunderschöne Landschaft zum Abschied gern noch genossen. Der psychisch wie körperlich anstrengenden Gipfeltour hätte ein ruhiger Ausklang folgen sollen. Aber man lernt aus solchen Erlebnissen, und auch mit Schnee und Eis werden wir künftig respektvoller umgehen, vor allem, wenn das Gelände anspruchsvoller ist. Bis nach Davos sind wir noch zwei Stunden unterwegs, und auf dem Rückweg erhole ich mich so weit, dass ich mir vorstellen kann, am nächsten Tag wieder eine – wenn auch kürzere – Wanderung zu unternehmen.

Samstag, 15. September 2012

14.9.12 Im Banne der Drei Türme, 14.9 Kilometer, 782 HM (Nachtrag)

Es mag an dem schlechten Wetter gelegen haben, wahrscheinlich auch an der eher geringen Auslastung der Hütte: Ich habe wirklich gut geschlafen. Beim Blick aus dem Fenster zeigt sich schönstes Winterwetter: die Bergketten ringsum ganz klar und weiß überzuckert, der Himmel blau und wolkenlos. Mit Minus fünf Grad ist es aber auch kalt. Beim Frühstück entscheiden wir uns, über den Bilkengrat zur Lindauer Hütte zu wandern, wo ich kurzfristig noch reserviert hatte. Eigentlich war für heute, ursprünglich sogar für gestern ein Aufstieg zur Sulzfluh (2.818 m) geplant: der Gipfel war sozusagen das Ziel unserer Rätikon-Tour. Aber der Hüttenwirt hatte uns gleich am Vorabend unserer Illusionen beraubt: dort oben könnten 30-40 cm Neuschnee liegen, der nicht sofort wegtaut; er riet uns von der Gipfelbesteigung am Folgetag ab. Als Neulinge in den Alpen respektieren wir eine solche Empfehlung. Unser Weg ist ohnehin anspruchsvoll genug: an einigen Stellen hat es getaut, ist wieder überfroren und es ist oft glatt. Der Weg führt in respektabler Höhe entlang und erfordert Konzentration. In der Morgensonne sehen wir den Gipfel der Sulzfluh ganz deutlich: wir haben sozusagen auf ihrer Schulter genächtigt und er sieht verführerisch nah aus, wenn auch schneebedeckt und unberührt. Da sind wir schon etwas traurig, auf den Gipfel verzichten zu müssen, aber es ist die einzig vernünftige Entscheidung. Das Panorama um uns herum tröstet uns über den Verzicht hinweg: Schnee, Sonne, klare Sicht und blauer Himmel sind einfach überwältigend. Wir sehen die Zimba, die Schesaplana und die Drei Türme, die „drei Zinnen des Montafon“. Ein schönes Foto von ihnen machen zu können, war mein großer Wunsch gewesen. Nun stehen wir ihnen schon früh am Morgen gegenüber, während sie von der Sonne beschienen werden, und mit jeder Serpentine werden sie schöner und faszinierender wirken. Fasziniert sind wir auch von der Herde Gämsen, die über uns an einem Gipfelchen versammelt sind und auf uns herunter schauen. Es folgt eine kurze drahtseilgesicherte Passage, ehe es in Kehren weiter bergab geht. Tief unten im Tal können wir schon die Lindauer Hütte sehen. Als wir uns endlich weiter unten im Wald befinden, scheint die Sonne warm und wir ziehen Jacken, Mützen und Handschuhe aus. Überall tropft es von den Bäumen. In der Lindauer Hütte machen wir eine kurze Pause. Die Quartiere werden erst ab 15 Uhr eingeteilt; deshalb machen wir uns noch einmal auf den Weg. Kurzentschlossen gehen wir Richtung Drusator – was sollten wir sonst tun? Der Blick auf die Drusentürme lässt kaum einen anderen Wunsch zu. Wieder geht es regelmäßig bergauf und wir kommen den Türmen schnell näher. Nachdem wir eine Weile gegangen sind, kommen wir an einen Wegweiser. Links geht es markiert weiter zum Drusator, einen Übergang in die Schweiz. Rechts herum führt ein unmarkierter Steig zu den Drei Türmen. Ich wünsche mir, noch ein Stück dort entlang zu gehen, und tatsächlich finden wir den Weg mit alten Markierungen und Steinmännchen ganz gut. Der Weg wird recht steil, ist aber gut begehbar. Bezüglich unserer Gewöhnung an die Höhe konnten wir direkt an den vergangenen Urlaub vor einem Jahr anknüpfen: wir kommen gut zurecht. Aber besteigen möchten wir die Türme (Mittlerer und Großer Drusenturm sind über anspruchsvolle Steige erreichbar) noch nicht: wir haben einfach zu viel Respekt vor diesen Erhebungen und Schneereste bedeuten: keine guten Verhältnisse für Anfänger auf Touren, wo Erfahrene bei diesen Verhältnissen Eispickel dabei haben sollten. Ein Stückchen unterhalb des Sporaturms machen wir Rast, erfreuen uns an der Aussicht auf die umliegenden Berge und das Gauertal – und steigen langsam wieder ab. Die Trittspuren, denen wir folgen, führen allerdings Richtung Drusator, was wir zu spät bemerken. Wir folgen dem Pfad, statt umzukehren, und erreichen noch unterhalb des Drusatores den rot-weiß markierten Wanderweg, dem wir abwärts zur Hütte folgen. Was für eine Alternative zur Sulzfluh! Wir waren den Türmen so nahe, wie ich es mir kaum erträumt habe – und das bei herrlichem Sommerwetter. Weil wir so gut unterwegs waren, erwägen wir beim Abstieg zur Hütte, unsere geplante Route zu ändern – denn den Weg Richtung Drusator kennen wir nun schon. Auch eine Besteigung der Sulzfluh scheint nach diesem Erlebnis nicht mehr so abwegig zu sein. Beim Abendessen in der Lindauer Hütte schaffe ich eine ganze Portion Späzzle mit Gulasch, und das ist auch gut so: wir haben uns den Aufstieg zur Sulzfluh nun schon vorgenommen. Bei unserem Abendspaziergang sehen wir, wie das letzte Sonnenlicht hinter den Drei Türmen verlischt.

13.9.12 Start unserer Rätikon-Tour: Von St. Antönien zur Tilisuna-Hütte, 7 km, 683 Hm (Nachtrag)

Wir fahren mit der Rhätischen Bahn 9.06 Uhr Richtung Landquart ab, sind 9.48 Uhr in Küblis und 10.18 Uhr geht es weiter mit dem Postbus nach St. Antönien Rüti, der Endstation Richtung Rätikon. Laut Wetterbericht soll es heute bewölkt bleiben; die Niederschläge sollen nachlassen. Wir freuen uns, denn in Küblis sieht es freundlicher aus als in Davos und man sieht schon stellenweise den blauen Himmel. Ab und zu nieselt es ein wenig. Der Wanderweg am Hang entlang ist etwas schlammig. An einem Gehöft, wo der Weg vorbeiführt, wird mein Mann plötzlich von einem Hund angegriffen und ins Bein gezwickt. Eine Frau kommt zwar schnell gelaufen und hält den Hund zurück, aber so ein Vorfall ist schon äußerst ärgerlich und kein gutes Vorzeichen für unsere Tour. Verdammte Köter! (Nein, ich will jetzt nicht differenzieren!) Der Gasthof Alpenrösli in Partnun hat Ruhetag, weswegen wir kurz an einer Bank vor einem Haus rasten. Es ist kurz vor Zwölf. Als wir weiter gehen – der Weg zur Tilisuna-Hütte wird bereits angezeigt – reißt der Himmel auf, und zweitweise wird es warm und sonnig. Am Partnun-See sind wir ganz allein. Den Weg hinauf zum Gruobenpass kann man gut sehen. Wir wählen den direkten Weg, weil wir bei dem unbeständigen Wetter keine Experimente machen möchten. Ein Aufstieg über den Plasseggenpass wäre bei gutem Wetter aber auch lohnend! Es fängt an zu tauen; wir hören, wie sich kleine Eisstückchen von der Sulzfluh lösen. Je höher wir kommen, desto kühler und windiger wird es und wir kommen durch leichte Schneeverwehungen. Zum Glück können wir Fußspuren über den Pass folgen. Plötzlich steht uns noch einmal ein Hund gegenüber, der allerdings, wie sein Besitzer versichert, nur neugierig ist. Warum kapieren die meisten Hundehalter eigentlich nicht, dass nicht jeder Mensch Kontakt mit ihren Hunden haben möchte? Die Viecher gehören angeleint, Basta. Hinter dem Gruobenpass geht es durch eine etwas windgeschützte Senke, danach steigt der Weg wieder zum Tilisunafürggli an. Hier oben benötigen wir langärmlige Shirts, Fleecejacke, Softshelljacke, Mütze und Handschuhe. Ich bin froh, mir noch eine warme Softshellhose gekauft zu haben, die gut den kalten Wind abhält. Nun fängt es an zu graupeln und die Sicht wird schlechter. Wir sehen aber noch die Wegmarkierungen, und als wir den Pass erreicht haben, sind ein See und eine Stromleitung zu sehen, weshalb wir vermuten, dass es nicht mehr weit bis zur Hütte ist. Dann sehen wir sie und sind ziemlich erleichtert. Die angekündigte Wetterbesserung ist wohl noch nicht bis hierher vorgedrungen. Da es draußen immer ungemütlicher wird, sind wir froh, ein schützendes Dach über dem Kopf zu haben. Das Hüttenteam ist freundlich und es gefällt uns sofort sehr gut in der Tilisunahütte. Nach und nach finden sich noch einige Wanderer ein, es bleibt aber insgesamt ruhig und wir haben – Hurra! – ein Zimmer für uns.

Dienstag, 11. September 2012

11.9.12 Rinerhorngipfel, zurück nach Davos Monstein, 15,3 km; 760 Hm

Wir beginnen unsere Tour gegen 10 Uhr an der Bergstation der Rinerhornbahn in 2.054 Metern Höhe. Ich hatte dem Wetter nicht so recht getraut, aber die Prognose ließ uns doch zu einer Gipfeltour aufbrechen, die gute Rückzugsmöglichkeiten bot: zwei Gasthäuser oben am Weg, wo man notfalls Schutz suchen, die Tour abkürzen und mit der Bergbahn zurück ins Tal fahren kann, falls sich doch etwas zusammenbraut. Nach dem gemütlichen Start in den Tag (länger geschlafen!) gehen wir in Kehren bis zum Gasthof Hubel unterhalb des Rinerhorns, der rot-weißen Markierung zum Gipfel folgend. Dort machen wir eine kurze Pause. Das Wetter sieht besser aus, als wir dachten. Am Gipfel hängt ein dunkles Wölkchen, aber es zieht langsam weiter. Nach einer kurzen Stärkung machen wir uns an den Aufstieg. Der Wanderweg führt über den Gipfel hinweg, und man kann auf einer Runde zur Bergbahn zurückkehren. Der Aufstieg von Nordwesten aus ist zeitweise etwas steil, aber gut zu bewältigen. Gegen 11.45 Uhr haben wir den Gipfel (2.528 m) erreicht. Wir machen aber nur kurz Rast, weil wieder Wolken heranziehen. Der folgende Gratweg ist sehr angenehm zu gehen, und man kommt gut voran. Er steigt noch einmal an, ohne auf das nächste Gipfelchen (Marchhüreli) hinauf zu führen. Trittspuren zeigen, dass man durchaus das letzte Stückchen aufsteigen könnte, aber wir lassen das und folgen der Markierung abwärts. Der Weg führt über ein Plateau mit Geröll, ist aber gut zu finden. In einem weiten Bogen nähern wir uns schließlich wieder der Bergstation. Dorthin möchten wir aber nicht zurückkehren, sondern hoffen auf einen Abzweig Richtung Monstein und schließlich können wir der entsprechenden Markierung folgen. Zuvor hatten wir dicht vor uns ein Murmeltier beobachtet und den Kühen, die natürlich auch am Hang waren, konnten wir gut ausweichen. Es ist nun richtig sonnig geworden und unser Weg führt lange oberhalb des Rotschwaldes entlang. Wir passieren stille Täler mit kleinen Bächen, bleiben aber lange Zeit auf relativ gleichmäßiger Höhe. So einen Weg geht man gern eine ganze Weile! An der Hauderalp machen wir noch einmal Rast und verabschieden uns von der Idee, nach Davos Wiesen zu wandern, denn das wären noch über drei Stunden. 45 Minuten sind bis Monstein angezeigt, aber es geht noch ein Weilchen hinunter durch den Wald. Der Ort ist wunderhübsch, aber etwas erhöht gelegen, und zur Bahnstation im Tal brauchen wir noch einmal 45 Minuten. Eine Viertelstunde nach um kommt dort die Rhätische Bahn von Filisur nach Davos Platz und wir stellen fest, dass wir den Zug 16.15 Uhr wohl gerade verfehlen werden. Das ist zwar nicht weiter schlimm, weil wir noch genügend Zeit haben, aber man sitzt doch ungern eine knappe Stunde an einem winzigen Bahnhof und wartet. Da sehen wir einen Wegweiser: Abkürzung Bahnstation, und entscheiden uns, den Weg zu probieren. Er führt zunächst ganz dicht an Häusern vorbei und man hat den Eindruck, man läuft den Leuten mitten durchs Grundstück. Dann geht es über Wiesen bergab und schließlich noch ein Stück durch den Wald ins Tal. Wir gehen nun zügig und sind tatsächlich sechs Minuten vor Einfahrt des Zuges am Bahnhof Monstein. Eine wirklich schöne Wanderung, etwas weniger anstrengend als die beiden vorangegangenen Touren, eine echte Genusstour! Wir kommen noch gut in unsere Unterkunft, und erst nach 18 Uhr ziehen von allen Seiten dunkle Wolken auf. Für morgen ist Regen angesagt, weswegen wir mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit einen Ruhetag haben werden.

Montag, 10. September 2012

10.9.12 Von Davos über den Tritt nach Arosa, 16,6 Kilometer, 1.360 Hm

Heute möchten wir nun unsere als Einsteigertour geplante Wanderung machen. Der Wetterbericht hat noch stabiles Wetter vorhergesagt, und uns reizt die Bergkette westlich von Davos mit Chörbschhorn, Chüpfenflue, Strela und Schiahorn, die schon von der Morgensonne beschienen wird. Der Panoramaweg dort oben entlang ist bei gutem Wetter immer lohnend; heute wollen wir jedoch über einen Pass, die Latschüelfurgga, gehen und nach Arosa wandern. Wir brechen sogar noch etwas früher auf als gestern und müssen feststellen, dass die erste Bergbahn zur Schatzalp erst nach acht Uhr fährt. So lange möchten wir nicht warten und somit starten wir von Davos Platz zu unserer Tour. Kurz nach neun Uhr – wir sind 1 ½ Stunden unterwegs – erreichen wir das Ende der Baumgrenze. Eine Gipfelbesteigung haben wir heute nicht geplant, aber dafür gibt es andere Herausforderungen: mehrmals müssen wir an Kühen vorbei. Große Tiere sind mir immer unheimlich, und wenn irgend möglich, mache ich einen Bogen um sie. Der rot-weiß markierte Wanderweg zur Latschüelfurgga ist nicht zu übersehen. Manche Kehren sind recht steil, und man spürt den Aufstieg in den Beinen. Aber vielleicht ist es auch die gestrige Tour, die noch nachwirkt. Erst auf über 2.300 Metern Höhe verläuft der Weg relativ gleichmäßig mit nur leichtem Anstieg bis zur Furgga. Dort machen wir Rast. 10.15 Uhr brechen wir auf; es geht nun ein Stück bergab. Weiter vorn sieht man, dass das Gelände felsig wird. Sollte es dort schon über den „Tritt“ hinunter gehen? Wir sind sehr neugierig auf diese Steilstufe, die es zu überwinden gilt, und ein Blick zwischen den Felsen hindurch nach unten lässt die Spannung steigen. Eine Treppe mit 220 Stufen überwindet die Steilstufe, gesichert mit einem dicken Stahlseil, das man als Geländer nutzen kann. Leute, die unter starker Höhenangst leiden, könnten hier eventuell Probleme haben – an einigen ungesicherten Passagen unterhalb der Treppe vielleicht noch eher als beim Gehen über die Stufen. Wir finden den Tritt eigentlich harmlos. Weiter geht es auf dem Schanfigger Höhenweg. Der Blick zurück ist beeindruckend: die Nordabstürze der Berge sehen wesentlich rauer aus als ihre Südostseiten. Besonders faszinieren die Chüpfenflue, Mederger Flue sowie links im Hintergrund die Weißfluh, unser erster Gipfel während des letzten Urlaubs. Der weitere Weg führt lange über Almwiesen, vorbei an der Mederger Alp, Tiejer Alp und Furrgaalp. Schilder weisen darauf hin, dass man Abstand halten soll, weil Mutterkühe ihre Kälber beschützen. Wie soll man bitte Distanz halten, wenn kurz vor Zaunende Kühe zu beiden Seiten des Weges stehen, hinter ihnen Grundstückszäune sind und ein Kalb dabei ist? Glücklicherweise blieben die Kühe ruhig. Wäre es nicht besser, den Weidezaun am Wegrand enden zu lassen, wenn keine Ausweichmöglichkeit besteht? Das letzte Stück durch den Wald hinunter zum Stausee finde ich ermüdend. Man muss aufpassen, weil Schotter und Geröll leicht nachgeben. Meine innere Uhr könnte auch mal kapieren, dass ich Urlaub habe und etwas länger schlafen darf! Nach einer kurzen Pause geht es mit frischeren Kräften weiter, vorbei an Kühen, die mal nicht auf dem Weg stehen – wie angenehm. Arosa liegt etwas erhöht an der anderen Talseite und dieser kleine Gegenanstieg ist noch zu bewältigen. Ich hatte ihn mir schlimmer vorgestellt. Als wir in den Ort hinein kommen, gibt es einen lauten Donnerknall und wir sehen, dass über den Bergen, von wo wir gekommen sind, dunkle Wolken aufziehen. Zum Glück zeigt der Wegweiser nur noch 10 Minuten bis zum Bahnhof an. Wir gehen zügig, und nachdem ich die Fahrkarten gekauft habe, fängt es an zu regnen, erst leicht, dann stärker, über den Bergen donnert es und schließlich ist der Regen mit Hagel vermischt. Da sind wir sehr froh, zeitig losgegangen zu sein! Die Rückfahrt nach Davos ist etwas umständlich, sie dauert zwei Stunden und 41 Minuten mit Umsteigen in Chur und Filisur. Nun verstehen wir, weshalb im Wanderführer empfohlen wird, in Arosa zu übernachten und über die Berge zurück nach Davos zu wandern. Da das Wetter jedoch unbeständig geworden ist, wäre mir das zu riskant. Ein Ortsbummel ist bei Gewitter und Regen auch nicht möglich, was wir etwas schade finden. 18.45 Uhr sind wir in Davos Dorf – später, als wir erwartet hatten.

Sonntag, 9. September 2012

9.9.12 Von Tschuggen aus zum Pischahorn und zurück nach Davos Wolfgang (ca. 18 km, 1.400 Höhenmeter)

Für heute waren sommerliche Temperaturen und stabiles Wetter angesagt, weswegen wir unsere Tourenplanung – ohnehin nur eine anpassungsfähige Wunschliste – umgestellt haben. Wir nehmen den ersten Postbus zum Flüelapass ab Bahnhof Davos Dorf und steigen an der Haltestelle Tschuggen aus. An einer kleinen Kapelle vorbei führt der Wanderweg bergauf. Ein paar Zweifel habe ich schon wegen der Route, denn das ist wahrlich keine Einstiegstour: das Pischahorn ist ein Fast-Dreitausender (2.979 m) und die Wanderung wird lang und anstrengend sein. Notfalls besteht die Möglichkeit, abzukürzen oder umzukehren, aber wenn sich ein herrlicher Tag ankündigt, möchte man das natürlich nicht. An solchen Tagen wünscht man sich ganz viel Aussicht von möglichst ganz oben! Und weil uns klar ist, dass wir vor allem Zeit benötigen werden, sind wir so früh wie möglich aufgebrochen, um auch genügend Pausen machen zu können. In vielen Kehren steigen wir langsam zum Tschuggenberg auf und die Aussicht wird bald schon faszinierend: immer wieder sehen wir das Flüela Schwarzhorn, die höchste Erhebung um Davos, ein sehr schöner Berg, den wir bereits kennen. Weiter geht es zur Bergstation der Pischabahn. Diese Bahn ist nur noch im Winter in Betrieb. Kühe versperren uns zeitweise den Weg, sie sind sehr unruhig und so weichen wir ihnen ein Stück über den Hang aus. Weiter oben sind noch einmal Kühe, die sich aber nicht von uns stören lassen. An solche Verhältnisse muss man sich erst wieder gewöhnen. Der Weg führt weiter bergauf über eine Einsattelung und dann zum Südwestgrat des Pischahorns. Der Weg wird schmaler und steiler, ist aber technisch nicht schwierig. Er führt zu einer Erhebung von 2.740 Metern, der Gipfelpunkt ist mit Steinmännern markiert. Von hier aus hat man schon eine sehr gute Aussicht. Ich ziehe nun meine Bergstiefel an, da das Gelände immer rauer wird. Ich bin gespannt, wie weit ich mit ihnen gehen kann. An einer schmalen, felsigen Passage hat jemand ein Seil angebracht. Auf dem Weg zum Vorgipfel des Pischahorns müssen wir uns ab und an mit den Händen abstützen. Die Luft wird merklich dünner und wir machen viele kurze Pausen. Es wäre allerdings auch schade, das nicht zu tun, denn die Aussicht ist phantastisch. Gegen 11.30 Uhr machen wir uns auf den Weg zum Hauptgipfel. Es sind nur noch wenige Meter, aber die haben es in sich. Eine Stelle ist etwas rutschig und man muss aufpassen, wo man sich festhält, da nicht jeder Stein hält. Dann wird der Pfad aber wieder besser und wir schaffen auch die letzten Meter nach oben. Dort geht es noch ein Stück beinahe waagerecht über einen Grat, was jedoch unschwierig ist, hinüber zur Gipfelmarkierung. Auf dem Gipfel ist genügend Platz und es herrscht kein Mangel an geeigneten Rastplätzen. Es ist ein richtiges kleines Plateau, von dem aus man weit in die Silvretta, ins Rätikon, hinüber nach Davos und zu den Flüela-Gipfeln schauen kann. Ganz nah sind der Piz Linard mit seine mächtigen Kuppe und die Plattenhörner. Gutes Wetter sollte man bei dieser Tour schon haben! Nach einer Pause machen wir uns an den Abstieg und folgen der rot-weißen Markierung Richtung Davos Wolfgang. Sie führt uns noch ein ganzes Stück über einen Grat mit ein paar leicht ausgesetzten Stellen, die wir aber nicht problematisch finden. Diese Tour macht einfach Spaß! Wir sehen nun nach Klosters und hinunter nach „Verborgen Pischa“, einer Mulde mit kleinen Seen. Im Rother-Wanderführer, den wir immer wieder gern konsultieren, wird eine Rundwanderung hinunter zum Pischasee und zurück nach Tschuggen empfohlen. Wir finden aber den Rückweg nach Davos durchs Mönchalptal auch sehr lohnend, zumal wir damit nicht auf den selten verkehrenden Postbus angewiesen sind. Ganz allmählich geht es talwärts, immer wieder kleine Bäche querend. Berge machen glücklich, ich möchte sie nicht mehr missen. Wieder und wieder möchte ich in die Alpen reisen – nur in dieser Gewissheit ist die Abreise erträglich! Ich wechsle meine Schuhe erst an der Mönchalp, wo der Weg breiter ist und in besserem Zustand. Entlang des Möchalpbaches geht es talwärts, wieder vorbei an einer Kuhherde. Dann zweigt ein Weg links ab nach Davos Wolfgang und Davos Dorf. Es geht ein ganzes Stück bergauf durch den Wald, aber dort wandert man sehr angenehm. Vor der Alp Drusatscha geht es rechts herum nach Davos Wolfgang. Wir nehmen den Bus Nr. 1 zurück ins Dorf.

Ankunft (Nachtrag)

Ich erinnere mich noch genau an unsere Abreise aus den Bergen vor etwa einem Jahr. Der Zug fuhr so schnell los und war viel zu schnell in Landquart. Als wir dort auf unseren Anschlusszug warteten, fuhr gerade wieder ein Zug der Rhätischen Bahn ein, Ziel Davos Platz. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dort einsteigen zu können: ich wollte nicht nach Zürich und auch nicht zurück nach Hause. Kein Urlaub hat bisher einen solchen Eindruck hinterlassen. Und nun ist es wieder soweit! Als wir auf Landquart zu fahren, sehen wir bereits die Gleise der Rhätischen Bahn und bald darauf sitzen wir im Zug nach Davos. Wir kennen die Stationen und die Gegend schon ein wenig und das erhöht die Freude noch. Als ich das erste Mal in den Alpen war, schreckten mich die Weite und die Entfernungen ab. Heute faszinieren mich die Dimensionen. Am zweiten Tag machen wir einen Ausflug nach Zillis. Das Talmuseum im Val Schons hat, wie wir erfahren, nur im Juli und August geöffnet, so dass wir beschließen, mal wieder in die Gegend zu reisen. Dieses Vorhaben wird uns in diesem Jahr den Abschied erleichtern.